Rauhnächte, die magische Zeit zwischen den Jahren. Ein alter Brauch, das Alte abzuschließen und das Neue mit offenen Armen zu empfangen.
Doch woher kommt dieser Brauch, wo hat er seinen Ursprung, was bedeutet der Begriff Rauhnacht und was kann er für Dich bedeuten? Darüber durfte ich am 25.11.2022 einen Vortrag im TherapeutenZentrum Augsburg halten.
Der Begriff Rauhnacht leitet sich von dem Wort „rauh“ für wild und von dem mittelhochdeutschen Wort „ruch“ für pelzig oder haarig ab. Mit diesen Worten beschrieben die Menschen das Aussehen der Geister und Dämonen, die in den Rauhnächten unterwegs waren und ihr Unwesen trieben.
Ursprünglich hießen diese Nächte auch „Rauchnächte“. Es war in dieser Zeit üblich, mit Kräutern zu räuchern, um gute Geister einzuladen und dunkle zu vertreiben.
Diese besondere Zeit zwischen den Jahren, die sogenannte Transitzeit, entstand vermutlich durch die Differenz in der Zeitrechnung des Sonnen- und Mondjahres. Der keltische und der germanische Kalender richtete sich nach den Mondzyklen mit 29,5 Tagen. Ein Jahr hatte nach dieser Rechnung 354 Tage. Das Sonnenjahr besteht aber aus 365 Tagen. Die Kelten und die Germanen fügten einfach 11 Schalttage dazu, die eigentlich gar nicht existent waren. Alle 2,5 Jahre wurde auch noch ein Schaltmonat eingefügt, um den Kalender wieder an das Sonnenjahr anzugleichen. Im deutschsprachigen Raum fand 1582 ein Wechsel zum gregorianischen Kalender statt. Er ist 365 Tage lang und richtet sich nach der Sonne, unser heutiger Kalender.
Die Zeit der Rauhnächte gilt von jeher als besonders magische und heilige Zeit, in denen die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt sind und die Welt der Geister näher an die Welt der Menschen rückt. Die zwölf Nächte stehen symbolisch für die zwölf Monate im darauffolgenden neuen Jahr. Sie sollen die Ereignisse vorhersagen. Deshalb werden sie auch „Los-Nächte“ genannt. (losen = vorhersagen). Die erste Nacht steht für den Januar, die zweite für den Februar usw.
Man geht davon aus, dass die Menschen seit langer Zeit Rituale praktizierten, welche die Zeit der Wintersonnwende begleiteten. Überliefert sind allerdings nur die Geschichten der germanischen Stämme. Diese wurden, auch nur in Teilen, im 13. Jahrhundert in den nordischen Heldensagen aufgeschrieben. Die sogenannten „Lieder Edda“ und der „Prosa Edda“.
Es gibt unterschiedliche Auffassungen über den Beginn dieser besonderen Zeit. Manche starten mit der Wintersonnwende, dem Julfest, am 21.12., andere dagegen am 24.12. Warum aber der unterschiedliche Beginn? Nun, das liegt daran, dass die Christen das Weihnachtsfest über die Wintersonnwende geschoben haben, um mit der Missionierung leichteres Spiel zu haben. Dadurch verschob sich auch gleichzeitig der Beginn der Rauhnächte.
Es gibt hier aber kein richtig oder falsch, man muss sein Gefühl für sich entscheiden lassen, was sich für einen selber stimmig anfühlt und was in sein Leben passt.
Für die Menschen der damaligen Zeit, deren Leben von den Zyklen der Natur abhing, war die Wintersonnwende von größter Bedeutung. Sie brachte zwar Dunkelheit und Kälte, stellte aber auch einen Wendepunkt dar. Ab dem 21. 12. wurden die Tage wieder länger, das Licht kam zurück und mit ihm auch das neue Leben. Traditionell war der Start der Rauhnächte deswegen auch am 21.12.
Eine Rauhnacht dauert immer von Mitternacht bis Mitternacht. Die Tage, welche auf die Nächte folgen sind genauso wichtig und von Bedeutung.
Allerlei Aberglaube und Mythen ranken sich um die Tage zwischen den Jahren. Sie galten von je her als besonders gefährlich, weil die Geisterwelt so nahe an der Welt der Menschen war. Man durfte die Geister auf keinen Fall erzürnen und so mussten besondere Regeln eingehalten werden. Das Haus musste sauber und ordentlich sein. Auch war es verboten, Wäsche zu waschen und draußen aufzuhängen. Geister konnten sich in der Wäsche verfangen, böse werden oder im schlimmsten Fall sogar im Haus verbleiben. Reiter auf der wilden Jagd konnten die Wäsche von der Leine reißen und gerade Leinentücher als Leichentücher verwenden. Auch war es untersagt, Karten zu spielen.
Das Christentum übernahm allerlei Bräuche aus der damaligen Zeit. Dazu gehört auch der Brauch des Räucherns. Heute wird immer noch in der katholischen Kirche durch einen Priester fleißig das Weihrauchfass geschwenkt.
Auch der Brauch des Geistervertreibens ist heute noch in einigen Teilen Deutschlands üblich. Gerade in Bayern werden zwischen dem 24.12. und dem 06.01. von verkleideten Zottelgestalten die bösen Geister vertrieben.
Seherinnen machten sich diese besondere magische Zeit zu Nutze. Es wurden Runen befragt und in Eingeweiden von Tier- aber auch von Menschenopfern nach Hinweisen für Prognosen und Vorhersagen gesucht. Heute benutzt man dafür doch lieber die Orakelkarten.
Man ist sich sehr sicher, dass die Menschen während der Rauhnächte aktiv mit ihren Ahnen kommuniziert haben. Die Schleier zur anderen Welt lichteten sich und so war eine Kommunikation mit den Verstorbenen möglich. Um diese Kommunikation zu erleichtern, versetzten sich z.B. die Germanen in einen Rauschzustand. Sie benutzten hierfür psychoaktive Pflanzen wie den Fliegenpilz. (Nicht zur Nachahmung empfohlen!)
Die Rituale und Mythen der Rauhnächte haben die gesamte sogenannte Zivilisationsgeschichte überdauert. Dabei haben sie sich natürlich verändert und wurden „angepasst“. Lebten die Menschen damals noch mit der Natur, geriet diese Verbundenheit im Laufe der Zeit in Vergessenheit. Immer größer werdende Städte wurden gebaut und zur Zeit der Inquisition wurden tausende Seherinnen als angebliche Hexen verbrannt. Viele Verbote in den Rauhnächten dienten später auch eher der Kirche und dem Patriachat, als dem Schutz der Menschen.
Trotz Missionierung und Hexenverbrennungen hat es die katholische Kirche jedoch nie ganz geschafft, diese besondere Zeit mit ihrer besonderen Magie ganz auszulöschen.
Seit einigen Jahren erleben die Rauhnächte eine Art Comeback. Wahrscheinlich ist es die Sehnsucht der Menschen nach ein bisschen Ruhe in unserer hektischen und auf Leistung getrimmten Zeit. Die Zeit zwischen den Jahren ist eine Zeit der Stille und des zur Ruhe kommen. Wir können in unser Innerstes blicken, auf das vergangene Jahr zurückschauen und einen Blick auf das kommende Jahr werfen. Wenn wir uns dessen bewusst werden, haben wir die Möglichkeit, durch Loslassen und Reinigung, das neue Jahr positiv mit zu gestalten.
Offene Angelegenheiten zu klären, Rechnungen und Schulden zu begleichen, Ausgeliehenes zurückzugeben, aufräumen und Rückschau auf das alte Jahr zu halten, könnten Vorbereitungen auf die kommenden Rauhnächte sein. Wenn Du Ballast los wirst, hast Du die Gelegenheit frei in das neue Jahr zu starten. Wer Altes loslässt schafft Raum für Neues.
Während der Rauhnächte gibt es unterschiedliche Rituale, wie z.B. das Räuchern, orakeln mit Orakelkarten oder auch ein Tagebuch zu schreiben. Jeder muss für sich selber entscheiden, wofür man Zeit und Energie hat. Das Begehen der Rauhnächte soll dir gut tun. Wichtig ist allerdings, dass Du Dich ein paar Minuten am Tag zurück ziehen kannst, um zu meditieren, zu reflektieren oder auch Deine Gedanken und Deine Träume in Deinem Tagebuch aufzuschreiben.
Wenn Du Dich für die Rauhnächte entscheidest, ist es wichtig, auch den Schatten und der Dunkelheit Beachtung zu schenken. Auch darum geht es in den Rauhnächten. Es ist unerlässlich, sich auch die unschönen Seiten zu betrachten. Dann hast Du die Möglichkeit, sie zu bearbeiten und gehen zu lassen. Nur so kannst Du in Deinem Leben eine Veränderung bewirken.
Ich nutze die Rauhnächte, als eine Zeit für mich, um zur Ruhe zu kommen, zu meditieren, Altlasten loszuwerden und das kommende Jahr zu gestalten. Du kannst für Dich entscheiden, wie Du die Rauhnächte nutzt, schau einfach was in Dein Leben passt.
Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass wir in der Ruhe in diesen besonderen Tagen, eine tiefe Verbindung zu uns selber wahrnehmen und das finden können, was eigentlich schon immer in uns ist und schon immer in uns war . Eine tiefe Verbundenheit zur Natur und zu unseren eigenen intuitiven Eingebungen.