Zwischen den Welten

Unser ganzen Leben werden wir nur auf Leistung getrimmt und auch daran bemessen. In unserer Gesellschaft zählt nur der etwas, der auch etwas vorweisen kann. Am besten natürlich das Abitur und ein abgeschlossenes Studium. Kinder, die sich in der Schule für die Hauptschule entscheiden, oder entscheiden müssen, weil sie oftmals dem Druck nicht standhalten, werden auch hier schon von ihren Mitschülern gemobbt.

Doch was sagen Noten über uns aus? Sind wir ein besserer Mensch, weil wir gute Noten haben? Ich denke nicht. Du kannst in Mathe eine eins haben, aber trotzdem ein Depp sein. Ein Straßenkehrer z.B. kann ein freundlicherer und anständigerer Mensch sein, als ein Professor, der von Sozialkompetenz keine Ahnung hat. Aber Noten und Erfolg ist das, was in unserer Gesellschaft einen Wert hat. Wenn du kein Studium oder zumindest eine vernünftige Ausbildung vorweisen kannst, zählst du nicht viel bzw. bist nicht viel wert.

Aber macht mich das als Mensch aus? Werde ich nur daran bemessen, was ich vorzuweisen habe? Was ist mit dem Rest von mir? Und was ist, wenn ich dieses Spiel nicht mehr mitspiele, wenn es mir egal ist, was andere von mir denken, weil ich „nur“ Hausfrau und Mutter bin? Oder wenn ich das tue, was mich erfüllt und nicht mehr das, woran ich bemessen werden kann? Das soll natürlich nicht heißen, das ich gegen das Lernen bin. Ganz im Gegenteil, aber ich bin der Meinung, jeder sollte das lernen dürfen, was seinem Potenzial entspricht und was ihn glücklich macht.

Wenn ich gefragt werde, was ich beruflich mache, gehe ich immer noch gerne in die Erklärung und Rechtfertigung. Schließlich bin ich ja gelernte Arzthelferin. Ich habe ja eine solide Ausbildung. Das ich in dem Beruf nicht mehr arbeiten kann und will zählt in dem Moment nicht. Ich kann etwas vorweisen, woran man mich messen kann. Eigentlich ist es mir tatsächlich egal, was die Leute von mir denken, aber anscheinend kann ich mich dem System doch noch nicht ganz entziehen. Aber ich arbeite daran.

Ich kenne viele, denen es genauso geht wie mir. Sie möchten aus diesem System ausbrechen, wissen aber nicht wie. Viele können es einfach auch aus finanziellen Gründen nicht. Hier ist dann oft der Burn out oder andere psychische Erkrankungen die letzte Station. Unsere Gesellschaft macht uns krank. Diejenigen, die es erkennen, fühlen sich oft alleine und verloren. Man traut sich kaum, offen darüber zu sprechen. Anders zu sein, passt nicht in diese Scheinwelt.

Für mich fühlt es sich so an, als ob ich zwischen zwei Welten lebe. Ich ziehe mich oft zurück, weil ich in meiner kleinen Welt einfach zufriedener bin. Zum Glück habe ich gute Freunde und einen tollen Ehemann, mit denen ich darüber reden kann und die genauso empfinden wie ich.

Lasst uns doch einfach uns selbst sein. Meine Tochter sagt immer so schön: „Die inneren Werte zählen.“ Und genauso ist es. Wir sind mit nix gekommen und genauso gehen wir auch wieder. Wichtig ist nur der Mensch, sein Charakter und seine Taten und nichts anderes.

2 Kommentare zu „Zwischen den Welten

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